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Rezension – „Die Stühle“

Lärm dringt aus den Lautsprechern – ein undefinierbares Rauschen und Dröhnen, Stimmengewirr und andere bedrohliche Geräusche. Das Publikum bahnt sich seinen Weg durch die im ganzen Raum verteilt liegenden Stühle. Überall auf dem Boden liegt Müll: Schuhe, Papier, Gläser, Körbe, Dreck. An den Wänden hängen Pappschilder, auf denen Begriffe und Zitate stehen, die auf einen Krieg oder ein ähnliches dystopisches Szenario schließen lassen. Gespannt und durch Geräusche und Chaos leicht verunsichert, hat schließlich jeder seinen Platz gefunden. Dann geht das Licht aus und alles wird still.

Das ist der Beginn der Inszenierung des Theaterstücks „Die Stühle“, aufgeführt am 10.03.2017 in der Aula der LeoBurg. Es handelt sich hierbei um eine sog. tragische Farce, die von Eugène Ionesco geschrieben und im Jahr 1952 uraufgeführt wurde. Das Stück lässt sich der Gattung des Absurden Theaters zuordnen. Die Neuinterpretation und Konzeption des Stückes gestalteten Frau Pinedo Saboya und Herr Weber-Kuligk, die beide auch Regie führten.

Bei der Inszenierung geht es um ein Paar, das in einer postapokalyptischen Welt in einem Bunker lebt und imaginären Besuch empfängt, um den Anschein von Normalität zu bewahren. Der Mann wird gespielt von Leon Zager, seine Frau von Sina Stockfisch. Den Höhepunkt dieser Besuche bildet das Erscheinen des (ebenfalls imaginären) Kaisers Napoleon. Dabei warten beide auf die Ankunft eines Redners (Robin Schmalenberg). Als dieser kommt, entschließen sich beide jedoch zu sterben. Aber auch der Redner, der zuvor schon als der personifizierte Tod erschienen war.
Der Mann trägt ein zerrissenes, schmutziges Shirt mit einem blutigen Loch darin und eine kurze Hose. Er hat ein blaues Auge und tätowierte Arme. Seine Frau trägt ein Sackkleid und hat einen Zopf. Auch sie hat Verletzungen und Schrammen an Armen und Beinen.
Beide sind barfuß. Der Tod/Redner hingegen ist sehr edel gekleidet; er trägt ein weißes Hemd und einen Anzug. Außerdem ist er blass und hat einen Zopf.
Bei den Kostümen und vor allem beim Make-Up (Maskenbildnerinnen: Jacqueline Bartsch, Isabelle Theuerzeit) wurde sich sehr viel Mühe gegeben. Am Ende des Stückes wird sogar Kunstblut verwendet. Insgesamt war das Aussehen der Figuren sehr authentisch. Auch das Bühnenbild war beeindruckend, da die gesamte Aula mit Stühlen und Dreck, Papier und anderem „Müll“ gefüllt worden ist und die Wände fast vollständig mit den bereits erwähnten Pappschildern behängt worden sind.
Die Scheinwerferführung (Justus Bauch), die bei diesem Stück eine wichtige Rolle spielte, da sie (bis auf LED-Kerzen) die einzige Lichtquelle darstellte, war ebenfalls sehr gut.

Das Besondere an dieser Aufführung ist, dass es zwar eine Art kleine Bühne gab, sich die Darsteller allerdings auch im Raum zwischen den Zuschauern bewegt und teilweise direkt mit diesen interagiert haben. Zu Beginn des Stückes gab es eine Art Kampf zwischen den beiden Protagonisten, der teilweise direkt zwischen dem Publikum ausgeführt wurde. Dabei haben sich einige Zuschauer schützend die Hände vor das Gesicht gehalten. Außerdem wurde einigen der Stuhl weggenommen – man musste sich einen neuen suchen. Schließlich sollte man Reihen und Kreise bilden und sich sogar die Stühle umgedreht über den Kopf halten. So blieb das Publikum stets in Bewegung. Allerdings wurde das Halten der Stühle nach einer gewissen Zeit etwas anstrengend – vor allem für die etwas älteren Zuschauer. Aber da es sich um ein absurdes Theaterstück handelt, ist der Einbindung des Publikums nichts Negatives entgegenzuhalten.
Vor allem die schauspielerische Leistung der Darsteller ist positiv hervorzuheben: die beiden Protagonisten konnten durch ausgeprägte Mimik und Gestik, Körperspannung und dem Wechsel von leisem und langsamem Reden bis zu lautem Schreien sehr überzeugen und beeindrucken.
Ebenfalls hervorzuheben ist die starke Präsenz, die der „Tod“ ausgestrahlt hat, als er durch das Publikum gegangen ist. In diesen Szenen wurde die eigentliche Handlung gewissermaßen „pausiert“. Sowohl durch klassische Instrumentalmusik als auch durch das perfekte Beherrschen einer emotionslosen Mimik und starrem Blickkontakt mit einzelnen Zuschauern entstand dabei eine unheimliche Atmosphäre. Zwar waren die Szenen teilweise etwas langwierig für Zuschauer, die gerade nicht in eines der kleinen „Spiele“ eingebunden waren oder nicht genau sehen konnten, was gerade passiert ist, jedoch waren die Szenen mit dem „Tod“ insgesamt sehr faszinierend.
Besonders wirkungsvoll war zudem der absurde Tod des Redners und das Kunstblut, das dabei verwendet wurde. Auch war die Szene, in der die beiden Protagonisten sich entschlossen haben, zu sterben, sehr emotional und unerwartet.
Das Ende kam unvermittelt und überraschend – nachdem alle Darsteller die Aula verlassen hatten, waren weiterhin dröhnende Kriegsgeräusche zu hören, bis nach ein paar Minuten der Verwirrung das Publikum allmählich aufgestanden ist und den Raum verlassen hat. Das Stück fand seinen endgültigen Abschluss im Treppenhaus, wo die Zuschauer ein Gedicht von Ernst Jandl vorlesen sollten und noch einmal die drei Darsteller zu sehen bekamen.
Insgesamt ist diese Inszenierung sehr gut gelungen und die schauspielerischen Leistungen der Darsteller waren sehr ausdrucksstark und beeindruckend. Maske, Kostüm und Beleuchtung, Regie, Requisiten, Tontechnik und die Atmosphäre an sich waren äußerst überzeugend. Einiges – wie zum Beispiel die direkte Einbindung des Publikums (u.a. das Stühleheben und -rücken) und das Agieren der Schauspieler zwischen diesem (sogar Kämpfe und Verfolgungsjagden) waren vielleicht etwas ungewohnt, jedoch – wenn man sich darauf eingelassen hat – ein interessantes Erlebnis. Der Zuschauer ist immer wieder hin- und hergerissen zwischen Lachen und Entsetzen über die Absurdität einiger Szenen und wird schließlich zum Nachdenken über die Zukunft, das Leben und den Tod angeregt. Der Besuch hat sich auf jeden Fall gelohnt!

Anna Henrike Wolter, Klasse 12